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Neuentdeckungen
In unserer Kultur gehen jedes Jahr wertvolle Schätze verloren. Dies betrifft nicht nur Gebäude und Naturlandschaften sondern auch Gefühlsschätze wie Bräuche, Rituale und symbolische Handlungen.
Unser Anliegen ist die Bewahrung des besonderen Kulturschatzes, der in der Region der Mani in Südgriechenland heimisch ist. Es handelt sich um die myroloja; eine uralte Form des Klagegesanges.
Dr. Jorgos Canacakis hat bereits vor 30 Jahren die ersten interkulturellen Untersuchungen im Umgang mit Trauer vorgenommen und schon damals erkannt, welchen immensen Wert, diese Tradition hat. (Promotion 1982, Uni Essen) Inzwischen sind wir Zeugen davon geworden, dass dieser Brauch immer weniger Anwendung fand und heute beinahe ausgestorben ist.
Welche Folgen sind daraus entstanden?
Die Menschen der Mani haben den traditionell gewachsenen und in die Gesellschaft eingebundenen gesunden Ausdruck für ihre Trauergefühle verloren. Schleichend haben sich vorher kaum vorkommende gesundheitliche Beeinträchtigungen eingestellt. Psychosomatische Beschwerden wie Bluthochdruck, depressive Stimmungen und allgemeines körperliches Unwohlsein werden geäussert.
Leider wird so die Forschungsarbeit von Dr. Jorgos Canacakis bestätigt. Der fehlende spezifisch kreative Ausdruck von Trauergefühlen und das Fehlen des unterstützenden Zuspruchs der Dorfgemeinschaft verursacht Krankheiten.
2006 und 2008 führten eigene Expeditionen jeweils in diese Gegend. 2008 konnte bei Treffen und Austausch mit früheren Klagefrauen und -männern diese ursprüngliche Tradition auch für "Fremde" geweckt werden. Ohne aktuellen Todesfall und in untypischer Umgebung, nur durch Erzählungen und Erinnerungen an Verluste von Expeditions-Teilnehmern war es den griechischen "myrolojistres" möglich, den Klagegesang in ihrer griechischen Muttersprache für diese deutschsprachigen Menschen stellvertretend auszudrücken.
Diese höchst beeindruckende Fähigkeit weckte bei der Gruppe den Wunsch, selbst zu diesem Ausdruck zu finden. Durch die besondere verbindende Atmosphäre gelang es vielen Teilnehmern selbst eine 8-silbige Klage in deutscher Sprache zu dichten und sie mit Unterstützung aller Anwesenden vorzutragen.
Es war berührend und erhebend zugleich, zu sehen und zu fühlen, wie diese "Ur"-Weisheit des Klagegesanges ohne Mühe kulturelle Grenzen überspringen kann und dabei ebenso wirkt.
Diese Ereignisse zeigen auf, dass eine Wiederbelebung und sogar eine Weiterentwicklung des seit der Antike praktizierten Brauches möglich sind. Der unschätzbare kulturelle und emotionale Wert dieser Tradition braucht auch an ihrem Ursprungsort die nötige Anerkennung und Förderung.
Das deutlich gewordene Potenzial ist jetzt reif und kann durch die einzigartigen Möglichkeiten der persönlichen Kontakte, des Vertrauensverhältnisses und der langjährigen Forschung von Dr. Jorgos Canacakis reaktiviert werden.
Das Ziel ist es, die myroloja als Weltkulturerbe von der UNESCO anerkennen zu lassen.
Dazu braucht es wissenschaftliche Anerkennung, lokale und internationale Unterstützung von Institutionen und Menschen. Alle Beteiligten können grössten Gewinn daraus schöpfen, denn die nachgewiesene präventive Wirkung auf unsere leib-seelische Gesundheit ist unschätzbar.